Erdbeben Haiti - Personalaustausch beginnt
Dr. Felix Prinz zu Löwenstein war mit seiner Frau Elisabeth vor 25 Jahren für Miserior in Haiti tätig. Ende Januar sind beide für die Malteser erneut in die Karibik gereist um die Gesundheitsstation Léogâne mit aufzubauen. Er berichtet nach vier Wochen Einsatz über den Austausch der Helfer:
»Heute Nacht hat es gerumst. Gleich zweimal hat uns ein Erdstoß erschüttert, im Abstand von 10 Minuten. In Port-au-Prince, wo am Malteser Hauptquartier ein Warngerät installiert ist, hat die Sirene angeschlagen. Das bedeutet eine Stärke von beinahe 5. Dort sind alle aus den Betten gesprungen und hinausgerast, hier in Leogane, wo wir alle in Zelten liegen, dreht man sich um und schläft weiter. Selbst unsere Kranken sind wieder eingeschlafen, obwohl sie immer noch – und wahrscheinlich noch lange – in Panik geraten, wenn sich die unerklärlichen unterirdischen Kräfte bemerkbar machen. Auch in den letzten Tagen haben sie sich immer wieder gemeldet. Mal durch ein leichtes Zittern, mal durch heftiges Wackeln. So schnell scheinen sich die aneinander geklemmten Erdplatten entspannen zu wollen. Angeblich seien heute Nacht auch wieder Menschen ums Leben gekommen, die sich unvorsichtig in ihre beschädigten Häuser gewagt haben.
Hier in Leogane ist Aufbruchstimmung. Als erstes hat uns Tobias Kann verlassen. Wolfgang Heide, unser Gynäkologe fehlt uns seit vorgestern. Heute morgen sind die wunderbaren haitianisch-amerikanischen Nurses Virginia und Roselle, sie sind Schwestern, abgefahren. Heute ist auch der letzte Tag für die Internistin Gudrun Müller, die Krankenschwester (und Bewahrerin aller Schlüssel) Eva-Maria Schmitt und den Chirurgen Bernd Dietz. Felix und Sissi Löwenstein übergeben heute Abend an ihre Nachfolger, das amerikanische Ehepaar Gamble. Geoffrey Gamble ist Präsident einer der drei amerikanischen Assoziationen des Malteserordens. Sie kommen zusammen mit 4 Krankenschwestern. Ihnen auf dem Fuß folgt ein Arzt und eine weitere Krankenschwester. Antoinette Mirbach und Klaus Ringleb sind dann die Überbleibsel des jetzigen Teams, die dem Rest baldmöglichst nachfolgen werden. Damit ist der Einsatz der deutschen Freiwilligen beendet.
Aus Deutschland weiterhin vor Ort ist die Koordinatorin Bea Maaß und ihre Assistentin Wanda Welker. Auch der Public Health Coordinator, der den Projektaufbau von der medizinischen Seite vorantreiben soll, Branko Dubajic aus Serbien, und der soeben eingetroffene Logistiker David Perry aus England sind hauptamtlich vor Ort und begleiten die neue Phase, die jetzt beginnt: den Übergang der Arbeit an den beiden Standorten Darbonne und Leogane in haitianische Hände. Die Bewerbungen türmen sich gerade, Branko führt Einstellungsgespräche. Dabei stößt man auf Probleme, die wir nicht kennen. Denn wie weist jemand seine Qualifikation nach, dessen Unterlagen unter Trümmern begraben liegen? Aber auch: wie kann man die praktische Eignung eines Menschen einschätzen, mit dem man nur durch Übersetzer kommuniziert? Da ist es gut, dass das bisherige Team etliche der Leute schon kennen und einschätzen gelernt hat und entsprechende Empfehlungen geben kann. Gut ist auch, dass die ehrenamtlichen Teams, die in den nächsten Wochen noch folgen werden, die einheimischen Kräfte so begleiten können, dass sich dann, wenn nur noch ein Projekt- oder Standortkoordinator hier bleibt, die Spreu vom Weizen getrennt hat.
Wir Abreisenden haben gemischte Gefühle, denn hier ist noch viel zu tun. Aber es gibt auch die Freude auf ein kühles Klima, ein sauberes Bett, ein gepflegtes Bad und vor allem auf unsere Lieben zu Hause. Und so ist’s gut, dass es nach vier Wochen jetzt heißt: Auf nach Hause!«
Informationen über die Lage in Haiti finden Sie auf unserer Sonderseite.
Erdbeben Haiti
Das Erdbeben am 12. Januar 2010 traf die Haitianer mit unvorstellbarer Härte. Als eines der ärmsten Länder der westlichen Hemisphäre war Haiti besonders verwundbar. Beim Gebäudebau wurde nicht auf stabile Konstruktion und statische Vorgaben geachtet, so dass in den betroffenen Orten nur wenige Häuser dem Beben standhielten. Besonders dramatisch ist die Situation in Port au Prince, wo mehrere große Stadtteile völlig zerstört sind. Weitere Orte wie Carrefour oder Léogâne sowie ungezählte Dörfer in der betroffenen Region sind ebenfalls teilweise vollständig zerstört.
"Unsere Hauptstadt hat durch die Bodenerosion keinen stabilen Untergrund. Die auf den Hügeln gebauten Slums sind einfach in einer Schlammlawine komplett abgerutscht", berichtete unser Kollege Eduard Aimé aus Haiti am Tag nach dem Beben. Selbst die stabilsten Gebäude wie der Präsidentenpalast, Ministerien oder die Kathedrale wurden zerstört.
Mehr als 150.000 Menschen starben bei dem Erdbeben, ca. 200.000 wurden verletzt, ca. 1 Mio. Menschen wurden obdachlos. Mehr als 230.000 ziehen von Port-au-Prince in die ländlichen Gebiete. Wahrscheinlich wurden 3 Mio. Haitianer, ein Drittel der Bevölkerung, von dem Beben betroffen.
Das vorhandene Gesundheitssystem ist durch den Katastrophenfall völlig überfordert. Wegen der unzureichenden Infrastruktur gestaltet sich die Logistik schwierig. Die innere Sicherheit in der Krisenregion ist, insbesondere nachts, nicht gewährleistet. Wegen der noch immer schlechten hygienischen Situation und medizinischen Versorgung besteht die Gefahr der Ausbreitung von Seuchen und Infektionen.
Bisherige Maßnahmen
Die Malteser Mitarbeiter vor Ort haben sofort nach dem Erdbeben mit Hilfsmaßnahmen begonnen.
In Milot im Norden des Landes unterstützen die Malteser bereits seit 15 Jahren das Krankenhaus „Sacré Coeur“ mit 64 Betten, einer Kinderabteilung, einer Entbindungsstation, einer Ambulanzstation und mit einem modernen Labor, das einzige Krankenhaus in der Region. Schwer verletzte Erdbebenopfer wurden per Helikopter in das Krankenhaus transferiert und operiert bzw. anderweitig behandelt.
In Port-au-Prince kümmerte sich ein internationales Malteser Team aus Ärzten, Krankenschwestern, OP-Pflegern, Public-Health-Fachleuten, Logistikern und weiteren Nothilfe-Experten um die medizinische Erstversorgung in dem teilweise zerstörten Krankenhaus „Francois de Sales“, beteiligte sich an Assessments der UN von Krankenhäusern und arbeitete zusammen mit dem Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der UN (OCHA).
In der zu 90 % zerstörten Stadt Léogâne in der Nähe des Epizentrums übernahm das Team die Leitung eines Gesundheitspostens, wo Verletzte behandelt werden und Geburtshilfe geleistet wird. Mit den zwei eingeflogenen Emergency Health Kits (WHO-Standard), die Antibiotika, Medikamente und Verbandsmaterial enthalten, kann eine grundlegende medizinische Versorgung für 20.000 Menschen in Léogâne drei Monate lang gewährleistet werden.
Geplante Maßnahmen
Die Malteser werden sich in der Post-Emergency-Phase schwerpunktmäßig in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Sicherung des Zugangs zu sauberem Trinkwasser, sanitärer Grundversorgung und Hygiene (WASH) betätigen.
In Koordination mit den anderen aktiven Hilfsorganisationen werden wir insbesondere Krankenhäuser wiederaufbauen, ausstatten und die ersten Monate im Betrieb unterstützen, die Gesundheitsversorgung mit Medikamenten unterstützen und Trink- und Brauchwasser dauerhaft installieren. Schwerpunkt der Hilfe wird in der Stadt Léogâne und Umgebung sein.
Die Malteser werden für die kommenden Monate die medizinische Grundversorgung für etwas 75.000 Einwohner des Landkreises Léogâne gewährleisten. Im Aufbau befinden sich zwei temporär in Zelten untergebrachte Gesundheitsstationen in Léogâne und Darbonne, in denen Patienten behandelt werden, und ein Referenzsystem, mit dem Krankentransporte aus den Dörfern zu den Gesundheitsstationen sowie weiter zu größeren Krankenhäusern organisiert werden können. Ergänzend werden die medizinische Grundversorgung in den Dörfern des Umlands sowie Impfkampagnen durch mobile medizinische Teams organisiert. In Zusammenarbeit mit UNICEF und der WHO werden Impfkampagnen vorbereitet, um der weiteren Verbreitung u.a. von Masern sowie Tetanus insbesondere bei Kindern vorzubeugen.
Welche Krankenhäuser von Maltesern unterstützt werden und welche weiteren Maßnahmen durchgeführt werden, wird derzeit mit den Verantwortlichen der UN, den staatlichen Einrichtungen und den Hilfsorganisationen koordiniert.
Die mit dem geplanten Projekt aufgebaute Struktur wird in Zusammenarbeit mit den örtlichen Gesundheitsbehörden mittelfristig in das haitianische staatliche Gesundheitswesen eingegliedert, um eine nachhaltige Abdeckung der medizinischen Grundversorgung der Bevölkerung zu sichern.
Video aus Leogane
Beate Maaß (hier links Bild zusammen mit Annette Wächter-Schneider) berichtet in einem Video-Beitrag direkt aus der Gesundheitsstation Leogane. Weitere Video-Beiträge sind auf in dieser Übersicht zu finden.
Nachrichtenarchiv
Ein Archiv mit den täglichen Informationen zur Entwicklung der Lage in Haiti finden Sie hier.